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Pascal Gabriel
Losgehen

57. Iss das Gericht, nicht die Karte

By 25. November 2019No Comments

 

Du kannst eine wissenschaftliche Studie über Pizza schreiben, ohne jemals probiert zu haben, wie Pizza schmeckt. Du kannst Italien studieren, Videos über Mozzarella auf Youtube sehen und in Gedanken in Tomatensauce baden – du wirst nicht wissen, wie sie schmeckt.

Ich habe Menschen kennengelernt, die über 20 Jahre in Seminare zu Persönlichkeitsentwicklung gegangen sind, nur damit sie sich im echten Leben nicht weiter entwickeln müssen. Ein Typ aus meiner Männergruppe hat mal gesagt, er habe nach 20 Jahren Workshops die Hoffnung aufgegeben. Die Hoffnung auf was? Hoffnung ist passiv. Hoffnung hofft auf eine Einsicht von außen, damit ich nicht nach Innen schauen muss. Damit ich nicht handeln muss, sondern weiter hoffen kann.

Wir können ohne Ende Pläne über Pläne schmieden. In Fantasie uns die große Zukunft ausmalen. Von sofortiger Erfüllung träumen und in Glückshormonen baden. Es ist leichter, die Speisekarte zu essen, wenn man Angst hat, das Gericht zu kochen. Der Denker in uns bildet sich oft den Rausch der fetten Zukunft ein, um uns vom wirklichen Erleben der Sache zu beschützen. Mit dem Nachteil, dass wir nicht wirklich leben. Unsere Fantasie liefert uns die kurzfristigen Erfolgserlebnisse im Kopf und lässt uns wehleidig nach der großen Erfüllung zurück.

Die Dinge zu erleben, heißt, sie zu leben. Es gibt keine Handlung durch Hoffnung. Keine Speisekarte ersetzt das Gericht. Keiner wundert sich, warum Papier nicht wie Pizza schmeckt.