Ohnmacht ist einfacher als Eigenmacht

Ich habe mich in meinem Leben schon oft ohnmächtig gefühlt. Als ich in meine Selbstständigkeit gegangen bin und von Unternehmeertum keine Ahnung hatte. Als ich meine ersten Partner verloren habe und nicht wusste, warum. Immer wenn ich verlassen wurde, enttäuscht oder anderweitig die Welt nicht nach meinen Regeln funktioniert hat. Immer dann war es für mich einfach, ohnmächtig zu sein und den Umständen die Schuld für meine Misere zu geben.

Egal wie viele Bücher ich damals gelesen habe, so richtig verändert hat sich nie etwas. In Büchern oder Videos auf YouTube etc. habe ich meistens Erklärungen dafür gesucht, warum die Welt so ist und warum ich besser dran sein sollte. Wirklich verändert hat sich erst etwas an dem Punkt, an dem ich angefangen habe, an mir zu arbeiten. An dem Mentoren, Therapeuten und Coaches in mein Leben gekommen sind, die mir einen Spiegel für meine ganz eigene Welt in meinem ganz eigenen Kopf gegeben haben.

In diesen Momenten habe ich realisiert, dass die Welt, wie ich sie erlebe, ein Ergebnis meiner Wahrnehmung selbst ist. Immer mehr wurde mir bewusst, dass meine Ohnmacht eine Art ist, jede Ursache meiner Lebenssituation in das Außen abzugeben und mich in meiner Misere und schlechten Gefühlen zu verstecken.

Ich glaube, es ist tatsächlich nicht selten, dass wir uns in schlechten Gefühlen wohl fühlen, wenn sie ein großer Bestandteil unseres Selbstgefühls geworden sind. Es ist wesentlich einfacher, mich als Verlierer meiner Lebenssituation immer wieder in selbstgemachte Krisen zu manövrieren und danach meine Situation als benachteiligter Mensch dieser Welt bestätigt zu sehen.

Es ist leicht, die Welt als einen Ort zu sehen, in dem wir konstant Krisen, Politik, Ungerechtigkeiten und Ohnmächtigkeit ausgeliefert sind. Das fällt mir vor allem dann auf, wenn ich die aktuellen Wellen von Krisen, Umwelt und Ungerechtigkeit betrachte:

Der Amazonas brennt, die Klimakatastrophe ist am Wüten und die Welt ist schon wieder kurz vor dem Kollaps. Soll ich weitermachen wie bisher? Soll ich auf die Straße gehen und hoffen, dass meine Stimme einen Unterschied macht? Wird die Welt sich durch meine Meinung alleine ändern? Jede Frage ein guter Anlass, nichts zu tun und mich einmal mehr in meiner Ohnmacht bestätigt zu fühlen. Was soll ich denn alleine gegen die Milliarden, die nichts tun, schon anrichten?

Ich hab mich in letzter Zeit oft darüber gestritten, wie die Berichterstattung und die Proteste auf der Straße vermeintlich ohnmächtig gegenüber mächtigen Veränderungen ankämpfen. Vor allem sticht dabei der Extremismus in beide Richtungen für mich heraus:

Da sind die einen, die trotz vieler guter neuer Impulse, Gewohnheiten und Vorsätzen trotzdem genau die negativen 5 % Fehlverhalten bemängeln, die noch fehlen, um ein wirklich perfekter Mensch zu sein, der die Umwelt schont, keine Tiere isst, kein CO2 produziert und in aufmerksamer Achtung gegenüber dem Planeten handelt. Die, die die ganze Hoffnung auf die Rettung des Planeten einem 16-jährigem Mädchen überlassen und ohne wirkliches Konzept oder konstruktive Lösungen auf die Straße gehen, weil es die Gruppendynamik so will.

Auf der anderen Seite gibt es die Extremisten, die jeden Versuch der Veränderung, jede Greta Thunberg und jeden positiven Impuls mit einer wutgeladenen Aggression verurteilen und ablehnen. Die, die behaupten würden, dass egal was man tut, sich eh nichts ändern wird. Dass die Welt eben ist, wie sie ist und sie so bleiben wird. Dass sie nur ein ganz kleines Zahnrad in der großen Maschinerie der Welt sind und sich damit der Fremdbestimmtheit hingeben.

Ich glaube, dass beide Extreme aus der gleichen Ohnmacht heraus handeln.

Alles gegen eine Person zu hetzen oder alles auf eine Person zu setzen, ist das gleiche Armutszeugnis der eigenen Ohnmacht: keine 16-jährige Person wird deine Welt retten und an keiner 16-jährigen Person wird sie scheitern.

Die Nachrichten der Welt sind so groß und schwer, dass wir uns absichtlich unabsichtlich in einer Ohnmacht in Gemeinschaften flüchten, die gerne ihr gemeinsames Leid bedauern und genießen. So finden die einen sich in Gruppen, die ihr Leid im Kampf gegen die Bösen der Welt bestätigt sehen und die anderen, die ihr Leid in der Hilflosigkeit mit der Boshaftigkeit der Welt hinnehmen.

In einer Gruppe aus Gleichgesinnten ist es einfach, Macht aus meiner Ohnmacht zu ziehen.

Beide Gruppen verlieren sich in Aussagen und Schlachtrufen, die genau so leicht verdaulich wie plumpe Werbesprüche großer Marken sind: hohe Meta-Ebene, wenig Handlungsoptionen. ‚Die Erde stirbt‘ ist genauso plump und unwahr wie ‚Just do it‘ – leicht anzunehmen, extrem vereinfacht und emotional gefügig, dass nichts wirklich passieren muss, um mich trotzdem zu einem Extrem zugehörig zu fühlen.

Klimastreiks aus wütenden Leuten oder aggressive Kommentare gegen alles, was neu ist – beide kommen mir vor wie Emos bei einem Konzert der Lieblingsband: Alle baden in einer Gefühlsblase, die sich wie eine reale Welt anfühlt. Keiner weiß genau, wozu, außer den bekannten Gefühlen wegen. Ohnmacht gegenüber den körpereigenen Drogen.

Ich freue mich über die Bereitschaft zu streiken und ich glaube an die Kraft der Masse. Es ist dringend notwendig, dass Menschen auf die Straße gehen, um Missstände aufzuzeigen und den nötigen Druck zur Veränderung aufbauen. Ich zweifle gleichzeitig daran, dass ein Großteil aller Streikenden wirklich weiß, wofür oder wogegen – über werbetaugliche Phrasen hinaus – sie überhaupt protestieren, dass sie handfeste Konzepte haben, die zielgerichtete Lösungen für akute Probleme der Welt wären. Es ist leicht, die wirkliche Arbeit einer einzigen Person oder der ausführenden Politik am Ende dann doch zu überlassen und sich einer Gruppe der Dynamik wegen passiv anzupassen. Es ist leicht, sich einem Movement anzuschließen und zu rebellieren, damit in meiner Ohnmacht des passiven Lebens wenigsten irgendwas spannendes passiert. Es ist leicht, gegen ‚Das System’ zu sein, ohne genau definieren zu können, aus was das System wirklich besteht.

Es ist verdammt schwer, die wirkliche Arbeit zu machen. Es ist unglaublich komplex, Ideen zu entwickeln, die eine ganze Welt in eine bessere Zukunft lenken sollen und Alternativen so zu durchdenken, dass sie umsetzbar und handlungsfähig für alle Beteiligten sind. Am Ende wird genau diese Handlung der Politik überlassen, gegen die in erster Linie protestiert wird. Am Ende gewinnt die Ohnmacht und die Ohnmacht kann am Ende sagen, dass die Politik an der Ohnmacht wieder ein mal schuld war.

Dieser Blog Eintrag soll eine positive Absicht haben. Ich glaube nämlich über die Gruppen und Massendynamik hinaus an eine Menschheit, die grundsätzlich positiv und gutartig auf die Welt kommt.

Ich glaube, dass die Krise, egal ob in der Umwelt oder im Zwischenmenschlichen eine Krise im Bewusstsein ist.

Jeder kann etwas in der Welt ändern, wenn er bei sich selbst anfängt und die Veränderung in die Welt übersetzt.

Wer anfängt an sich zu arbeiten, es schafft, seine Ohnmacht gegen Verantwortung und Eigenmacht zu ersetzen, der kommt zu einem Kern, der durch die menschliche Natur grundsätzlich gut ist. Jeder Mensch ist gut geboren. Das ist ein Glaubenssatz, den ich aktiv wähle. Es gibt keine Menschen, die gierig oder zerstörerisch auf die Welt gekommen sind. Kein Baby denkt an Autos, mit Reifen aus jeweils vier Gallonen Erdöl hergestellt. Kein Baby will an die Macht kommen, mehr Geld als die anderen haben, die Welt ausbeuten und Menschen schlecht behandeln.

Das sind alles Probleme, die aus dem Bewusstsein entstehen, aus falscher Bildung, keiner Bildung oder aus einer anerzogenen Gier heraus, die nicht grundsätzlich zu unserer menschlichen Natur gehören. Ich glaube an die Selbstregulation des Organismus, der automatisch das Gute in der Welt wählt, wenn seine Wahl nicht auf Vergleich, Gier und Misstrauen basiert.

Das falsche Bewusstsein macht Menschen zu einem Umweltzerstörer und mit dem Einzelnen und seinem Bewusstsein endet die Zerstörung.

Der beste Protest, den wir anzetteln können, ist Menschen zu helfen an ihren Kern, zu dem, was sie wirklich zu Menschen macht, heranzukommen. Wieder der Mensch zu werden, der ganz von alleine das Beste für alle wählt. Dein größter Streik besteht nicht nur aus 100.000 Menschen mit dir auf der Straße, sondern jeder einzelne Tag und jede Person, die du triffst, bei der du die Möglichkeit hast, zu einer besseren Welt beizutragen.

Wir alle sind ein Teil in einem gigantischen, weltweiten Netzwerk, das über wenige Ecken jeden Menschen auf der ganzen Welt erreichen kann. Wenn von deinen facebook Freunden 100 deine Botschaft erreicht und von diesen jeweils weitere 5 x 100 Freunden erfahren, hast du rechnerisch jeden Menschen auf der Welt erreicht.

Deine Botschaft hat eine gewaltige Macht, und ich glaube es gibt nur eine Bedingung: es muss deine Botschaft sein. Deine Botschaft kann kein Werbeslogan aus der Masse sein, sie kann nicht ein der Ohnmacht geschuldetes Armutszeugnis sein, sondern muss eine Wahrheit sein, die aus deiner Eigenmacht heraus entstanden ist. Die Botschaft deiner eigenen Seele spricht eine Sprache, die andere Seelen zum Schwingen bringt. Sie ist gefährlicher, sie macht dich wahrscheinlich unsicherer als einfach gestrickte Sprüche aus einer gesellschaftsnomativen Masse. Sie entspricht wahrscheinlich nicht den Werten und Normen einer streikenden Masse alleine, sie wird vielen passiv Protestierenden und wütend Streikenden nicht gefallen. Sie wird anders sein, sie will andere Menschen erreichen, und wird ein anderes Bewusstsein berühren.

Jeder Mensch hat seine ganz eigene Gabe, die er zum Wohl einer besseren Welt einsetzen kann. Der eine will Tiere aus Käfigen befreien, der andere predigt Veganismus. Der eine geht auf die Straße, der andere schriebt ein Buch. Der eine schreit, der andere denkt. Einer bringt Menschen zusammen, der andere trennt sich von den Falschen. Es ist wichtig, Menschen zu dieser Gabe der Eigenmacht zu befähigen. Das sollte die eigentliche Aufgabe des Aufbäumens der Nation sein: gegen falsche Lebenskonzepte, Glaubenssätze und Wertesysteme streiken.

Dieser Streik kann dafür sorgen, dass genau die 100 Menschen auf der Welt von einer persönlichen Botschaft erfahren, um weitere 5 × 100 Menschen auf der Welt zu erreichen und das Bewusstsein auf Dauer zu beeinflussen.

Die Revolution auf der Welt ist eine Revolution des Bewusstseins. Kein Mensch Streit wirklich gegen CO2, für das weltweite Klima oder wegen Waldbrände. Jeder Mensch, der Mensch geblieben ist, streikt für ein neues menschliches Bewusstsein, das im Grunde genommen unser ursprüngliches Bewusstsein ist. Die Empörung gegen eine unbewusste Welt ist die Symbolik für die eigene Verantwortung. Es erfordert Mut, nicht dem Mainstream zu verfallen, sondern deine eigene Message in die Welt zu bringen, für ein besseres Bewusstsein.

Mit allem was du in die Welt bringst, was du kommunizierst, was du kommentierst und wie du mit den Menschen interagierst, die dir täglich begegnen, trägst du zu einer Welt bei, die du mit gestaltest.

Voraussetzung für deinen Weltfrieden ist, dass du deinen Kern entdeckst, den Druck von gesellschaftlichen Konzepten, von der Gier nach Macht, Reichtum und dem ‚mehr als andere haben’ verlässt, und zur Botschaft deiner Seele findest, Ohnmacht loslässt und deine Eigenmacht annimmst. Dann bist du nicht den globalen Phänomenen ausgeliefert, sondern kannst deine wirkliche Arbeit tun, die nichts mit Massenprotesten zu tun hat: anderen Menschen helfen, auch wieder den Mut zu ihrer Eigenmacht zu finden.

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