Iron John – Der Neue Mann

Was macht einen guten Männer Workshop aus und warum funktioniert er nur unter Männern?

Vergangenen Sonntag ging zum zweiten mal der IRON JOHN Männer Workshop zu Ende. Dieser Workshop war der intensivste und transformativste Workshop, den ich als Teilnehmer und als Leiter jemals miterlebt habe.

Dieses mal stehe ich in der Aufbereitung vor einer Challenge, die ich gut kenne: So schwer es mir fällt, den IRON JOHN im Voraus zu beschreiben, so schwer fällt mir, darüber zu erzählen.

Wie erklärt man eine Gruppe aus 13 Männern, die sich emotional konfrontiert in einem sicheren Container ihre lebenslang entwickelten Vermeidungen, Blockaden und Schrägheiten stellen und gemeinsam auflösen? Wie erklärt man Domino Effekte von Trauer und Wut, die eine ganze Gruppe in einem Durchgang ergreift und aufwühlt? Wie erklärt man Teilnehmer, bei denen das Leben „fest steckt“, die den Workshop mit dem Plan verlassen, Comedian zu werden? Wie erklärt man zitternde Nervensysteme außer Kontrolle, die von einer auf die andere Sekunde fullstop aufhören und einen Anker in der Realität finden?

Wir sind keine zertifizierten Wunderheiler, Schamanen oder Gurus. Was ich und mein Partner Julian Huntgeburth mit IRON JOHN geschaffen haben, ist lediglich ein Rahmen, in dem durch gezielte Aufmerksamkeit, wache Intuition und vertrauliche Sicherheit Männer die Chance haben, ganz zu werden.

Diese Annahme ist nicht messbar, kein Wissenschaftler kann sie beweisen. Und: Jeder der dabei war, hat magische Heilkräfte, Herzöffnungen und Trauerarbeit gesehen. Ich kann nicht in Schritten erklären, wie das geht. Ich versuche nicht die Heilkräfte zu beschreiben. Ich versuche die Umstände, die es möglich gemacht haben, nahbar zu machen und ich versuche, gelerntes zu verstehen, indem ich es beschreibe.

Also: Was macht einen guten Workshop unter Männern so wertvoll?

Männer heilen unter Männern

Ein großer Fehler im aktuellen Mainstream der Persönlichkeitsentwicklung ist die feminine Seite von allem. Achtsamkeit, Gefühle und Emotion sind Worte, die vielen Männern fremd, suspekt oder unheimlich verweichlicht vorkommen. Gewalttätige Achtsamkeit, erzwungene Gefühle und Verurteilung für nicht wahrgenommene Emotionen empfinde ich als eine Art radikalen Feminismus, der keinen Mann wirklich weiter bringt. Erst recht nicht in gemischten Gruppen.

Der Wunsch von Frauen, Männern zu helfen, begegnet mir in der letzten Zeit immer häufiger. Nein, Frauen können Männer nicht zur besten Freundin mit Penis umerziehen. Nein, Männer und Frauen sind nicht gleich. Nein, eine Frau weiß nicht, was ein Mann braucht. Selbst wenn es eine Frau schafft, einen Mann zum achtsamen Gefühlsmensch zu erziehen: Die Probleme, die Männer in ihren Lebenszyklen haben, werden dadurch nicht besser, sondern schlimmer.

Männer sind im aktuellen Geschlechterkampf so unter Druck, dass die Konzepte und eigene Wahrnehmung von sich selbst ein Vakuum von Unsicherheit und Verwirrung erzeugen. Wann bin ich denn „richtig Mann“ oder „richtig ich“? Woran orientiere ich mich? Was ist meine Art von Ganzheit, wann folge ich wirklich meinem Pfad?

Das sind Fragen, die Frauen unmöglich für Männer beantworten können, weil Frauen niemals wirklich Männer sind. Probleme mit Selbstausdruck, Sexualität, Körperbild, Leistungsdruck, Verdrängung und Verbindung können nur mit und unter Männern gelöst werden.

Ich kann es nicht beweisen. Ich habe es zu oft gesehen.

Eine Maske geht nur, wenn die Gestalt sich zeigen darf

Unsere Biologie schreibt uns vor, dass sich die Dynamik unter Männern ändert, wenn Frauen anwesend sind. Das ist Evolution und nicht Spiritualität: Im Wettstreit der „Sperm Competition“ gibt es unter Männern eine Hierarchie der Prioritäten, sobald eine Frau anwesend ist – „die Maske“ sitzt fest.

Wenn dieser Druck der Geschlechter-Dynamik fehlt, zeigen sich die wahren Ängste und Blockaden von Männern. Wenn eine Gruppe es schafft, Vertrauen und Schutz in einem geeigneten Umfeld zu etablieren, passiert Transformation für Männer. Unangenehme Themen werden ausgesprochen, Ängste, Wut und Trauer finden ihren Ausdruck, Altes kann verarbeitet werden.

Für viele muss der Druck steigen, bevor das Loslassen stattfinden kann und die Maske den eigentlichen Themen weicht. Wenn alle Umstände passen, zeigt sich die „Gestalt“ – das eigentliche Problem hinter den Problemen. Wenn die Gruppe den Rahmen halten kann, ist eine halbe Stunde später diese Gestalt ein Teil der Vergangenheit. Heilung findet dann statt, wenn nach dem authentischen Ausdruck der Emotionen die Gruppe aus Männern den Raum hält und konstant bleibt.

Wir lernen, dass wir den kleinen Tod sterben und trotzdem ein Teil der Gemeinschaft bleiben. Das ist die eigentliche Integration – ich bin immer noch ein ganzer Mann nach allen Emotionen. Es gibt keinen anderen Mann, der nun vor einer Frau in der Gruppe über mir steht, weil ich schwach war.

Gute Transformation vergisst das ursprüngliche Problem

Probleme sind oft Gedanken, die in unserem Kopf kreisen. Ein großer Teil der Problematik, ist das Festhalten an Konzepten, die uns an die unterliegende Emotion erinnern.

Männer sind sehr oft mehr im Kopf als im Körper. Männer sind oft rational und lösungsorientiert – das Konzept muss weg, nicht die Emotion. Mit dem Nachteil, dass mit Willenskraft und Anstrengung wahrscheinlich am Konzept gebogen wird und die Emotion trotzdem bleibt. Wenn dann die Emotion das Konzept wieder weckt und verstärkt, bleibt ein Problem in dieser Dauerschleife bestehen.

Emotionen zu spüren, kann aus meiner Sicht nicht erzwungen werden. Ein Therapeut kann dazu einladen, der Klient muss den Wille dazu haben, der Rahmen kann unterstützend wirken. Aus diesem und vielen weiteren Gründen ist es hilfreich, dass IRON JOHN im Ausland stattfindet. Die Entscheidung und Anreise selbst ist ein erster Schritt, sich für die persönliche Veränderung zu öffnen. Veränderte äußeren Umstände ermöglichen neue innere Zustände.

Wenn ein Mann an seine Emotion kommt, hat er die Chance sie zu verarbeiten. Mit dem Ausdruck der Emotion verabschiedet sich das Konzept mit – ein Klient weiß nicht mehr, was das eigentliche Problem war. Dieser neue Rahmen ist für mich ein sicheres Anzeichen, das wirkliche Veränderung stattgefunden hat. Die Wahrheit verändert sich mit der Wahrnehmung. Keine Umdeutung, kein „Reframing“ oder eine neue Art von Widerstand – das Konzept ist durch die Emotion aufgelöst und unbestimmt.

Anpassungen an widrige Lebensumstände sind kein Glücksrezept

Männer erzählen ihre Lebensgeschichte viel stärker in Kausalitäten als Frauen, die mehr in Zyklen leben. So passiert es, dass Männer sehr viel stärker in Ursache und Wirkung leben. „Weil ich früher so war, bin ich heute so“ ist eine Formel, die viele kongruent leben, weil dadurch die Zusammenhänge ihrer Geschichte bestehen bleiben.

Ich habe viele Männer in diesen Geschichten über sich selbst gefangen erlebt. Schlechte Glaubenssätze blockieren nicht nur – sie werden festgehalten und vehement verteidigt. Ich habe zig attraktive Männer logisch erklären gehört, warum genau sie absolut ungeeignet sind, eine Frau anzusprechen, geschweige denn, ein Date zu haben und „zu bestehen“.

Ebenso viele sind überzeugt, dass Einsamkeit sie vor Verletzungen schützt, viel Geld viel Freiheit bedeutet und Sex das Ergebnis von Manipulation ist. Allen diesen Ideen liegt ein Paradox zugrunde: Sie sind dem Glück in der Vermeidung dienlich. Die Vermeidung ist nicht dem Glück der eigentlichen Person dienlich.

Um neue Perspektiven auf Lebensgeschichten und den Verlauf des eigenen Lebens zu erlangen, haben wir unsere eigenen Modelle. Unter anderem mehr als 13 Stunden, in denen wir mit voller Aufmerksamkeit den Lebensgeschichten jeder einzelnen Person zuhören. Das Ergebnis ist Bandbreite: ein Bewusstsein für unendliche Möglichkeiten, wie ein Leben funktionieren kann. Die Assoziation der Geschichte im Abgleich mit der Person, die sie erzählt, stellt Lebensführung und Glück in relation und zeigt Optionen auf. Festgefahrene Lebensumstände können abgeglichen und mutig angepasst werden.

Die Kehrseite deiner Neurosen ist die Befreiung deines Lebens

Unsere Neurosen sind oft kreative Anpassungen an widrige Lebensumstände zu einer Zeit, in der wir keine andere Wahl hatten. Als physiologische Frühgeburt ist unser Überleben von der Anerkennung vom Außen abhängig, und so entstehen durch Traumata organische Impulse, die zu Verhaltensweisen und damit über die Wiederholung zu Glaubenssätzen werden.

Die schlechteste Art der Persönlichkeitsentwicklung ist die Bearbeitung der Glaubenssätze – der Spitze des Trauma Eisbergs sozusagen. In jeder Gruppe eines Workshops wird deutlich, dass grundlegende Charakterzüge und Persönlichkeitsanteile für immer bestehen bleiben. Keine Gruppe kann am Ende eine homogene Masse aus gleichen Menschen werden. Jeder Organismus geht davon aus, dass er – egal wie kreativ angepasst – bis hier hin so überlebt hat und an der Wurzel das so gut ist.

Die beste Art der persönlichen Veränderung empfinde ich aus dieser Annahme die Integration der Schatten und die Übersetzung ihrer Kehrseite in individuelle Superkräfte. Was dadurch erreicht werden kann, ist die Befreiung von unterdrückten Anteilen meiner selbst.

Der Ausdruck meiner Schattenanteile heilt meine Wunden und kommt so authentisch von mir, dass Menschen sich damit verbinden. So kommt es beispielsweise, dass Sarkasmus in (schwarzem) Humor seinen Ausdruck findet und eine wütende Person einen Kanal findet, der nicht verletzt, sondern belebt.

Viele Männer erfahren Heilung durch den Ausdruck von Aggression, Wut, Scham, Trauer etc über einen Kanal, der für sie sinnvoll erscheint. Es ist ein großes Geschenk, diesen Ausdruck in einem geschützten Rahmen zu erleben, als gut wahrzunehmen und im Anschluss in die Welt zu integrieren.

 

 

Als ich vor Jahren mit Männergruppen und Workshops anfing, hatte ich keine Ahnung, was daraus entstehen könnte. Mittlerweile empfinde ich diese Arbeit als ein Geschenk, das Leben retten kann. Ich meine damit nicht, dass Leute vor dem Suizid stehen. Ich meine, dass viele Männer tot sind, bevor sie richtig gelebt haben.

In Zukunft wird IRON JOHN wachsen und wandern. 2020 folgt der Workshop in Schottland, sowie ein Retreat in Griechenland.

Ich möchte jeden Mann aufrufen, seinem Ruf zu folgen und falls ja, teilzunehmen. Wir sind nicht auf der Welt, um diese Arbeit alleine zu machen.

AHO

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1 Comment

  • Danke fürs teilhaben lassen!
    Du hast sooo recht damit dass es einen totalen Unterschied macht, wie Männer und Frauen Sachen bearbeiten. Sehr sehr cool was ihr da macht. Ich glaub ich versteh jetzt einiges besser.
    L g

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