Du findest kein Geheimnis, das Du nicht kennst

Du bist Du durch das, was Du tust.

 

„Na, was hast du seit dem Workshop getan?“
„Nicht viel …“

Vor wenigen Wochen hatte sie meinen Workshop besucht. Darin ging es um die Suche nach dem Sinn in der Arbeit. Indem sie sich sich findet: in ihrem Lebenslauf, ihrer Karriere und in sich selbst. Persönlichkeit, Fähigkeiten, Interessen. Die Zutaten für einen wunderbaren Kuchen des Lebens.

Wenige Wochen später sitzt sie vor mir. Was ist aus den Einsichten geworden?

„Nicht viel…“

Oft frage ich mich, ob eine Teilnahme an einem Workshop nur ein Schauspiel vor uns selbst ist. Ob wir wirklich nur das sehen, was wir schon kennen und das glauben, was wir glauben wollen, das tun, was wir im Innersten immer wieder wiederholt tun wollen?

Egal ob Lebensumständen, Beziehungen oder Berufe, die du ausübst: Sie gehören Dir. Du bist Du durch das, was Du tust. Zu viele Teilnehmer kommen mit der Agenda, dass sich nur die Welt um sie nur ändern müsste, damit sie der bleiben können, der sie sind. Das Gegenteil ist wahr: Damit du die Welt so machen kannst, wie du sie willst, musst du wissen, wie du dich verändern musst.

Diese Botschaften kommen leider nur selten an. Der Wunsch nach dem Faktor im Außen, nach dem großen Gong und der einen Einsicht ist viel größer als den Weg der Arbeit an sich selbst zu wählen. Die meisten Besucher in Workshops kommen mit der Suche nach dem Jobtitel, der passt, dem Partner, der sie nimmt und dem Leben, das sich nach ihnen richtet.

Das große Fingerlecken dreht sich jedoch um die größere Frage, um dem eigentlichen Sinn des Ganzen. Von dieser Idee versprechen sie sich die eine, ewige Einsicht, die ihnen endlich die Richtung ihres Lebenswegs zeigt. Die endlich das Gewissen gibt: „Ja, du bist auf dem richtigen Weg“.

An das eine Geheimnis zu glauben, ist heute ganz leicht. Überall um uns herum sehen wir Menschen, große Momente, Errungenschaften und Erfolgsgeschichten, die uns den Eindruck vermitteln, dass jeder – außer eben ich – sein Geheimnis kennt. Das Rätsel des Lebens. Für immer gelöst!

Was wir dabei vergessen, ist, dass wir nur die Spitze des Eisbergs der Erfolgsgeschichten des Lebens um uns sehen. Das glückliche Familienbild zeigt nicht die schweren Zeiten der Partnerschaft. Das viele Geld verschweigt den Stress, es zu verdienen. Der Porsche sagt nichts über die innere Welt.

Und auch wenn reproduzierbare Megaerfolge so unwahrscheinlich sind wie der Sechster in Lotto: Ein Lottogewinner ist davon überzeugt, dass auch du es schaffen kannst. Sinnvoll. In seiner Welt. Genau diese Hoffnung wird dann den suchenden Seelen verkauft:

Lebe jetzt!
Finde dein Geheimnis!
Denke Sie groß!
Find your purpose!

Warum triggern dich solche Botschaften? Was ist die Hoffnung dahinter?

Was du hoffst zu finden, ist der Moment, an dem deine persönliche Geschichte sich so vervollständigt, damit dein Leben für immer so bleiben kann. Der Moment, an dem alle Schwierigkeiten aufhören, du im Flow lebst und das Leben sich leicht anfühlt. Nie mehr Veränderung, nur noch alles prima.

Das Ziel der Suche? Der große Wendepunkt, der den Bogen zum „Happy End“ einleitet.

Die Filmgeschichte und das Storytelling im Kino haben uns diesen Glauben eingetrichtert. Egal welchen Mainstream Film du auf seine Dramaturgiekurve hin untersuchst: Immer folgt auf den großen Wendepunkt der Geschichte das bleibende Glück.

Ich kann nur suchen, was ich schon glaube

Glaube konditioniert das Erlebnis, und unsere Erlebnisse stärken unseren Glauben. Was du glaubst, erlebst du und dadurch glaubst du es und erlebst es wieder. Unser Gehirn selbst ist das Ergebnis konditionierter Erlebnisse. Es diktiert und interpretiert, filtert, lädt ein, portioniert, blockiert. Es kann immer nur das erleben, was es bereits kennt, was ihm ähnlich ist. Was macht dadurch ein Gehirn, das sich vornimmt, Neues zu finden?

Sich bei der Suche auf sein Gehirn, auf Erfahrung beim Finden neuer Wahrheiten zu verlassen, ist das Vertrauen auf die eigene Illusion. In dieser Suche wünschen wir uns nur die einfachen Konversationen. Die Coaches, die bestätigen, was wir eh schon bestätigt haben wollen. Therapeuten, die uns in der alten Verhaltensweise beruhigen.

Wissen, Glaube, Rückschlüsse und Erfahrung hindern uns daran die Wahrheit zu finden, die außerhalb unseres Gekannten liegen. Es gibt keine neue Wahrheit innerhalb deiner alten Erfahrung. Wahrheit ist immer anders, immer neu, immer angstbesetzt. Angst, die existiert nur in Beziehung zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten. Mit Wissen versuchen wir immer nur das Unbekannte zu verstehen, um das beängstigende Element zu entfernen. Was nicht geht, wenn Wissen immer nur das Bekannte kennt und erkennt. Das Unbekannte kann niemals vom Bekannten erlebt und verstanden werden.

Wenn Dein Gehirn glaubt zu suchen, dann ist deine Suche nur ein Mittel zum selbst projizierten Ergebnis. Dann ist sie nur der Befriedigung dessen geschuldet, was du finden willst und das Mittel wird der Befriedigung dienlich gewählt.

Was Teilnehmer sich von Workshops versprechen ist nicht die wahre Suche als eine Art Aufmerksamkeit ohne Agenda. Die geheime Agenda ist fast immer der Wunsch nach Beständigkeit. Echte Suche richtet sich nicht nach einem Ergebnis, sondern nach der Aufmerksamkeit zum Erkennen. Aufmerksamkeit ohne Agenda ermöglicht erst das Verständnis für das „was ist“, was Wahrheit erkennen lässt.

Beständigkeit ist die Idee von der Wiederholung einer Erinnerung. Projektionen innerhalb von Zeit.

Was steckt hinter dem Wunsch nach Beständigkeit? Ich meine, beständiges Glück. Wenn du dich an Glück erinnerst, ist das jedoch nie eine Form von Zeit. Wenn du von Glück erzählst, dann ist das eine momentane Erinnerung, eine Konserve, die dich jetzt glücklich macht. Keine Zeit angebunden. Glück kann nicht festgehalten, nicht konserviert werden, hat keine Halbwertszeit.

Was du suchst, ist nicht das Glück, das du festhalten kannst, damit du endlich lebendig sein kannst. Du suchst die Lebendigkeit, die dich glücklich macht.

Lebendig ist nur, was sterben kann. Beständigkeit existiert nur mit Zerfall. Das Glück zu suchen hat meistens nur die Agenda, beständig das Unglück zu entfernen, wodurch es kein Glück geben kann.

 

Was suchst du, das du längst haben kannst?

Du könntest dich fragen: Was ist die Botschaft meiner Suche? Könnte es sein, dass meine Suche ein Hinweis darauf ist, dass ich schon zu lange nichts mache, in die falsche Richtung gehe, oder mir etwas ganz anderes als mehr Geld oder Erfüllung im Job fehlt? Könnte es sein, dass ich die Ziele und Interessen meiner Vorgesetzten verfolge und nicht mehr weiß, was ich eigentlich wollen soll?

Wünsche ich mir, dass das Karussell des Lebens einfach mal aufhört, weil ich auf dem Jahrmarkt der anderen nur Beifahrer bin?

Das sind die wichtigen Fragen und die Botschaft zeigt dir den Weg: Der Sinn deines Lebens entsteht durch die Meisterschaft deiner eigenen Interessen. Die Bedeutung liegt auf dem Weg zu den Zielen, nicht im Ziel selbst. Deine Lebenssituation erhält mehr Bedeutung, wenn dein Leben keine Bedeutung haben muss. Dann wartest du nicht auf den einen großen, vergänglichen Moment, sondern findest in jedem Kontakt, in jeder Interaktion eine kleine Bedeutung, die dich zur nächsten trägt.

Die Bedeutung deiner Erlebnisse bekommt dann ein höheres Gewicht als der eine große Moment deines Lebens. Dann hältst du nicht mehr an seinem Eintreten fest, sondern tanzt flexibel durch die Zeit. Die lebendigen Momente, die dann kommen, geben Deinem Weg Sinn. Erkennen kannst du sie immer nur rückblickend, als Wegbereiter deiner großen Momente. Dadurch werden vermeintlich schreckliche Kündigungen, die Trennung von einem Partner oder der verpasste Flug zum unmerklichen Wendepunkt deiner persönlichen Geschichte.

Selbst die langweiligen Dinge sind dann Teilaspekte auf der Strecke. Dass heißt auch, dass da, wo du jetzt im Moment bist, der Grundstein für große Momente Deiner Zukunft liegt. Auch wenn du das jetzt noch nicht wissen kannst, wie könnte es anders sein?

Wenn du auf die große Eingebung im richtigen Moment wartest, wartest du wahrscheinlich für immer. Warten ist das Problem, weil es eben so passiv ist, wie nichts tun. Dann sitzt du vielleicht in Workshops, Seminaren und Vorträgen und suchst den Sinn deines Lebens, während du auf die Eingebung wartest.

Dein Gehirn sieht jedoch immer nur, was du bereits weist:

Du findest kein Geheimnis, das du nicht kennst.

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