Der Film Deines Lebens

 

If you’re going to try,
go all the way.
Otherwise, don’t even start.

If you’re going to try,
go all the way.
This could mean
losing girlfriends,
wives, relatives,
jobs and
 maybe
your mind.

Go all the way.
It could mean not eating
for 3 or 4 days.
It could mean freezing
on a park bench.

It could mean jail,
It could mean derision,
mockery,
isolation.

Isolation is the gift.
All the others are a test
of your endurance,
of how much you really
want to do it.

And you’ll do it.
Despite rejection and
the worst odds.

And it will be better
than anything else
you can imagine.

If you’re going to try,
go all the way.
There is no other feeling
like that.

You will be alone
with the gods
and the nights will flame
with fire.

Do it, do it, do it.
Do it.
All the way.
All the way.

You will ride life
straight to
perfect laughter.

It’s the only good fight
there is.

– Charles Bukowski, Roll the dice

 

Sterbende beschreiben ihr Leben auf dem Totenbett oft wie einen Traum. Es ist passiert. Was wie eine seichte Annahme klingt, ist Beweis dafür, dass es aus heutiger Sicht keinen verlässlichen Nachweis mehr gibt, dass sie wirklich da waren. Alles nur ein Traum? Alles nur Erinnerung. All die Chancen, alle Erfahrungen und der fehlende Mut. Das, was Sterbende bereuen, in ihrem Leben nicht getan zu haben, können wir abschätzen, ohne eine Studie darüber gelesen zu haben. Offensichtlich gibt es einen Teil in mir, der genau weiß, dass ich mehr sein kann, als ich gerade bin. Mein Bauch sagt, ich soll leben. Mein Kopf will überleben. Die Kontrolle nicht verlieren. Die Kontrolle über was?

Wie oft leben wir in dem Glauben, dass ein großer Moment in der Zukunft liegt. Wie oft vergessen wir, dass zwischen heute und Zukunft keine Zeit liegt. Wenn der große Moment passiert, wird es Jetzt sein. Das ist die Essenz der Weisheiten aller großen Gurus. Trotzdem sind wir immer wieder begeistert, wenn wir diese Erkenntnis für einen Moment lang nicht nur mit dem Verstand zerkauen, sondern in unserem Körper erleben. Auf einen großen Moment später zu tippen, ist nichts anderes als eine Verschiebung des Jetzt auf einen späteren Zeitpunkt, an dem es jetzt sein wird. Was in Zukunft auf uns wartet, ist eine Fata Morgana. Es ist die Vision eines Endpunkts, an dem wir uns bleibendes Glück erhoffen. Wenn wir dort ankommen, wartet bereits die nächste auf uns. Der heutige Zeitpunkt ist immer ein Standpunkt, von dem aus wir losgehen und uns die Zukunft ausmalen. Und nie ankommen. Weil wir nie ankommen können. Ich will da drüben sein. Gleichzeitig kann ich nicht hier sein, wenn ich dann da bin. Wenn du weißt, dass alle Ziele doch nur Durchgangsstationen zum nächsten Ziel sind, könntest du den Weg genießen, statt das Ziel erreichen zu wollen. Dann könntest du die Schönheit des Sein entdecken und nicht mehr vom hier und jetzt weg laufen.

Was uns heute nicht leben lässt, ist der Glaube, die Zukunft planen zu können. Kontrolle über den Weg zum Endpunkt, der uns glücklich macht. Aus unendlicher Angst vor Fehlern kastrieren wir uns in eine Steifheit, die uns von jedem Erleben des Erlebnisses selbst abschneidet. Das Jetzt, das uns lebendig macht, opfern wir für ein Ziel, das uns nicht glücklich machen kann. Das Leben auf später zu verschieben ist eine Entschuldigung für meinen leblosen Alltag von heute. Die Illusion, dass es eine richtige Art zu leben gibt, schneidet uns vom gelebten Leben ab. Der Versuch, richtig zu leben, ist eine Illusion von Kontrolle, die uns im Denken gefangen hält. Wer hat eigentlich bestimmt, wie man richtig lebt?

Wo wir als Kinder unbegrenzte Freude versprüht haben, hat uns unsere Erziehung klar gemacht, dass das nicht gut ist. Schließlich sollen wir den Verstand nicht verlieren. Der ist wichtig, um die Zukunft zu kontrollieren. Mit der Zeit hat sich die Angst, dass Freude negative Konsequenzen hat, in uns manifestiert. Wir vergessen, wer wir wirklich sind und werden dafür belohnt. Eltern, Noten, Lob und Strafe zwingen uns dazu, das Wilde in uns zu begraben und vorzugeben, jemand zu sein, der den Erwartungen entspricht. Den Drang der Wildheit haben wir dem Bedürfnis nach Sicherheit unterstellt. Warum die Sicherheit für Spannung aufgeben, wenn sie uns ein sorgenfreies Leben vorgaukelt? So wird unser Instinkt zur Inszenierung die unter der Angst des Unsicheren nur im Käfig heraus gelassen wird. Wir fangen an zu lügen. Eine Strategie, zu bekommen, was wir wollen, ohne danach zu fragen. Aus dieser Strategie wird der Käfig, indem wir gefangen sind, weil wir uns mittlerweile selbst belügen. Wir arbeiten lange an dem falschen Selbstbild, das zum Ego wird. Wir werden von Menschen gemocht, die das Bild lieben, das wir vorhalten. Wir versuchen alles zu sein, was von uns erwartet wird. Versuchen in die Welt zu passen, indem wir etwas werden, das wir nicht sind. Das zu ändern ist gefährlich. Es würde heißen, jede Beziehung zu riskieren, die mein falsches Ich mag. Die neu entscheiden muss, ob sie mein wahres Ich auch liebt. Besser so bleiben wie ich mich gebe, als der zu sein, der ich wirklich bin. Der, der ich bin, wird nicht mehr gebraucht. Den Gedanken bis zum Todestag zu Ende gedacht macht mir klar, dass das ganze Leben ein einziges Schauspiel sein kann. Ein Schauspiel vor anderen und vor mir selbst. Eine Vermeidung von allem, was sein könnte. Ein riesiges Kino. Kurzfilme meiner Angst.

Wir vergessen dabei, dass unser Leben in Wirklichkeit kein Schauspiel ist. Es gibt keinen Regisseur, der uns Anweisungen geben kann. Keinen Visagisten, der uns immer gut aussehen lässt. Keinen Doppelgänger, der die Hauptrolle übernimmt. Es gibt Tage, da fühle ich mich wie die Hauptrolle. Es ist, als könnte ich neben mir stehen und sagen „Ja, das ist er. Er lebt.“. Wie ein tiefes Brummen in mir, das weiß, dass mein Erleben gerade im Einklang mit dem ist, was meine Natur verlangt. Es gibt Tage, Wochen und Monate, da bin ich diese Version nicht. Da warte ich, verstecke mich vor Möglichkeiten, halte mich zurück und ziehe mir die Plastiktüte über den Kopf. Aus der Erkenntnis meiner festgefahrenen Situation wird Wut, die sich auf die Umstände um mich überträgt. Besser auf andere wütend sein als einzugestehen, dass ich paralysiert vor Angst neben mir stehe aber mich nicht sehe. Es ist wie eine Trance in die ich mich entscheide zu gehen. Ich kann aus ihr heraus. Aber ich will nicht und bleibe.

In Momenten, in denen ich mit dem Tod konfrontiert bin, 10.000 Meter über der Erde fliege, mich selbst von oben sehe, wache ich aus diesem Schlaf auf. Mein Körper versteht für einen Augenblick die Vergänglichkeit der menschlichen Erfahrung. Überall um mich ist Liebe. Wo war sie die ganze Zeit? Wie konnte ich sie nicht sehen? Wie konnte ich mich selbst so lange in einer Situation gefangen halten, die jetzt wie ein schlechter Film wirkt? Im Angesicht des Todes macht weniger leben als ich es jetzt könnte keinen Sinn. Alles, was ich erlebe, muss ich ganz oder gar nicht tun. Das Leben findet nur an der Grenze zum Erlebnis statt. Wem gehört meine Zurückhaltung? Einer Stimme in meinem Kopf, die nicht von mir ist. Alles nur Fantasie. Alles ein Schauspiel.

Wie würdest du bis hier hin über dein eigenes Leben urteilen? Hast du das gemacht, was du wolltest, alle menschlichen Erfahrungen gelebt? Oder ist dein Dasein Stellvertreter deiner niedrigen Durchschnittserwartungen? Wenn du jetzt stirbst, wäre das dein ganzes Leben gewesen. Alles, was du nicht gemacht hast, aus Angst, Zurückhaltung, Befangenheit, würde im ewigen Vergessen des Universums verpuffen. Ob du es getan hast oder nicht – beides *ist* nicht mehr. Nur noch eine Geschichte über dich, die dich nicht mehr interessiert. Und deshalb niemanden mehr. Schlimm ist nicht, dass du heute vielleicht nicht den besten Tag deines Lebens hattest. Schlimm ist nicht, was du im Rückblick alles verpasst hast. Schlimm wäre nur, heute nicht die beste Version deiner selbst gewesen zu sein. Aus Angst davor, dich so zu zeigen, wie du wirklich bist. Das schlimmste, was deinem Leben passieren kann, wäre heute mit dem Gewissen ins Bett zu gehen, keinen großen Schaden angerichtet zu haben, um beim letzten Atemzug deines Lebens heraus zu finden, dass in deinem Leben nie wirklich irgendwas von Bedeutung passiert ist.

Das wäre es also gewesen. Dein ganzes Leben. Ein einziges Schauspiel vor dir selbst. Mit dem einen Nachteil: Es gibt keine zweite Chance für den ersten Take. Dieses Leben ist keine Generalprobe. Go all the way.

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